„Du kannst keinen größeren Schaden anrichten, als deiner inneren Wahrheit nicht zu folgen! Du bist in den Pflichten und Aufgaben eines Krieges und Anführers erzogen. Deine Begabungen, dein Wesen und deine Veranlagung sind so beschaffen, dass du dem Bösen in der Welt entgegentreten musst. Angesichts dieses gerechtfertigten Kampfes kannst du nicht einfach impulsiv beschließen, Entsagung und Gemütsruhe zu üben. Diese durch das Ich veran­lasste Entscheidung verursacht einen Konflikt in deiner Persönlichkeit. Dein inneres Wesen wird sich trotz deines Egos durchsetzen. Gib diesem Egoismus nicht nach und bring keine Schande über dich. Ein Mensch ist nicht anders als seine Natur, Arjuna, und ist verpflichtet, ihr gemäß zu handeln.“

Bhagavadgita 18.58-18.60

So ein spiritueller Pfad kann schon mal ganz schön verwirrend sein.

Die „innere Wahrheit“, was genau soll das sein?

Gebunden sollen wir nicht sein, sondern frei von Anhaftungen an Besitztümer oder Weltliches (Lies hier, was es mit dem Loslassen auf sich hat). Und dann auch noch genau das tun, was „unserer Natur“ entspricht. Was ist denn unsere Natur? Essen, Schlafen, Sex? Da muss doch noch etwas mehr dahinterstecken. Im kulturellen Kontext der Bhagavadgita kann man natürlich sagen, dass es sich die Inder der damaligen Zeit und zum Großteil auch heute noch leicht gemacht haben. Sie haben das Kastensystem, das ihnen einen groben Rahmen gibt, was denn ihre innere Wahrheit und ihre Aufgaben NICHT sind. Man wird einen Brahmanen aus der höchsten Kaste selten darüber reden hören, dass er seinen Pflichten als Krieger nachgehen und in den Kampf ziehen muss, denn das ist die Aufgabe eines Kshatriyas aus der Krieger-Kaste, so wie Arjuna. 

Aber in welcher Kaste sind wir Westler?

Wir hier im Westen sind da schon etwas verlorener. Vom Tellerwäscher bis zum Millionär können wir im Grunde genommen jede Rolle erfüllen. Sicher gibt es auch bei uns gesellschaftliche Einschränkungen und Vorbehalte, wir nennen und propagieren es eben nur nicht als Kaste. Weniger als ein viertel der Kinder aus nicht-akademischen Familien fangen beispielsweise an zu studieren. In Akademikerfamilien sind es ungefähr drei viertel. Wir wollen also gar nicht so sehr über Chancengleichheit reden, denn darum geht es nicht. In allen Ländern gibt es mehr oder weniger sichtbar eine Art von familiärem oder gesellschaftlichem Druck, der uns diktieren möchte, was wir zu tun haben. Aber die Frage ist: lassen wir uns unter Druck setzen und: wie finden wir in dieser Unterdrückung die innere Wahrheit? 

Angespannt im Überlebensmodus

Es ist klar, dass wir auf der Suche nach der inneren Wahrheit nur eins tun können, nämlich nach innen schauen. Offensichtlich. Steht ja schon im Wort. Wie gelingt das? Zum Großteil der Zeit überhaupt nicht. Das hat einen guten Grund: wir befinden uns eigentlich meistens im Überlebensmodus. Wir sind angespannt und merken es noch nicht einmal. Wir machen uns Sorgen über alles und jeden, weil wir so programmiert wurden. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben zum Beispiel große Angst davor, zu wenig Geld zu verdienen und als Folge davon irgendwann unter der Brücke zu landen. Realistisch gesehen, und vor allen Dingen, wenn du jetzt hier bist, das liest und an einem Laptop sitzt, kann dir das in einem Land wie Deutschland aber nicht passieren. Woher kommt also diese Panik, wenn die Euros auf dem Konto weniger werden? 

Natürlich von der Erziehung. Unsere Eltern haben uns eingebläut, zu sparen. Immer darauf zu achten, dass man ein gutes Polster hat, für Notfälle. Und dass man nicht zu viel Geld ausgeben sollte. Diese Erziehungsmaßnahmen kommen aus ihrer eigenen mentalen Programmierung. Zum einen sind ihre Eltern, unsere Großeltern, in einer Generation groß geworden, in der unser Land noch nicht so wohlhabend war und an den Nachfolgen des Krieges gelitten hat. Zum anderen ist es in jedem Elternteil evolutionär verankert, sich um ihre Kinder zu sorgen. Für sie ist es eine Art Überlebensinstinkt, den Nachwuchs zu schützen. Diese Angst überträgt sich dann auch auf uns und führt dazu, dass wir jedes mal, wenn wir sehen, dass etwas von unserem Konto abgebucht wurde, mit Herzrasen reagieren. 

Warum wir unsere innere Wahrheit ängstlich und angespannt nicht sehen können

Mach doch einmal folgende Übung einen Tag lang. Lebe deinen Alltag wie immer und beobachte, wann du Anspannung in dir fühlst. Das ist eigentlich schon sehr fortgeschritten. Die meisten dieser Momente wirst du nicht bewusst wahrnehmen, weil wir in der heutigen Zeit eigentlich permanent angespannt sind. Trotzdem, wenn dir die Anspannung oder die Angst bewusst auffällt, stopp dich, bei was auch immer du gerade tust und versuche, bewusst zu analysieren, was passiert ist. Was ist vor dem Gefühl passiert? Was hat es ausgelöst? Fühlst du zum Beispiel Anspannung, weil dich dein Chef kritisiert hat? Ok. Viele Ratgeber sagen nun, dass du dich fragend weiter an die Ursache deiner Angst herantasten sollst. Ich sage dir aber gleich: Das funktioniert nicht. Denn durch Anspannung entfremden wir uns immer von uns selbst. 

Ich möchte das mit einem Beispiel verdeutlichen. Stell dir vor, du, dein Selbst, ist das Meer. Und stell dir vor, die Farben des Meers sind die Eigenschaften deines Wesens. Am Meer ist es heute sehr windig, fast schon stürmisch, es kommt also viel Bewegung, Druck, von außen, das ist deine Angst. Du hast jetzt also festgestellt, dass es windig ist, und du hast festgestellt, dass es etwas bei dir auslöst, das Wasser ist unruhig und peitscht an das Ufer. Und jetzt sagt dir dein Ratgeber: schau dir genau an, wie dein Wesen beschaffen ist. Du schaust also auf dein Meer und wirst feststellen: Das Wasser ist weiß und schaumig. 

Ist es das? Nein, natürlich nicht.

Es ist nur so, weil der Sturm es aufpeitscht. Du wirst nicht unter die unruhige Meeresoberfläche schauen können, solange der Sturm noch da ist. Erster Schritt ist also immer, Windstille zu schaffen. Beruhige deinen Geist, um unter die Wasseroberfläche schauen zu können. Warum möchtest du unter die Wasseroberfläche schauen? Um deine innere Wahrheit zu finden, von der Krishna spricht. Und glaub mir, den Geist zu beruhigen, das ist in der heutigen Zeit unsere größte Aufgabe. Sensibilisiere dich mal darauf, wie oft du dich unbewusst verkrampfst. Hör dir diese Meditation an, die dich selbstwärts führt und finde andere Ressourcen, die dir gut tun. In der Insight Timer App findest du viele kostenlose Meditationen. Und wenn du gerne liest, lade dir auch mein kostenloses Entspannungs-Booklet herunter.

Dominika, ich bin jetzt echt ruhig und still. Und jetzt?!

So Leid es mir tut, das zu sagen: ab hier bist du alleine. Ab hier kannst nur noch du selbst herausfinden, wer oder was zu dir spricht, wenn du unter die Wasseroberfläche schaust. Das Gute ist allerdings, dass du selbst dir eigentlich immer wieder gute Hinweise gibst. Du musst es nur schaffen, sie zu hören. Wenn du jetzt ganz entspannt, ruhig und ohne Überlebensängste (und ja, das kann auch ein schwindender Toilettenpapier-Vorrat sein…) hier bist, in diesem Moment, dann hast du schon einige Dinge richtig gut hinbekommen. Erstens, du hast deine Angst gespürt. Zweitens, du hast dir rational klar gemacht, dass diese Angst (zumindest in den meisten Fällen) an dieser Stelle unnötig ist. Drittens, das Rationalisieren und vielleicht einige Entspannungsübungen haben dich beruhigt. Glückwunsch! Ich meine das ernst. So weit zu kommen, ist nicht einfach.

Wir bleiben jetzt im Spüren. Jetzt, wo die Angst weg ist, versuche zu fühlen, was du total gern machen würdest. Worauf hast du Lust? Was würde dir Freude bereiten?

Aber Freude ist nicht genug.

Essen bereitet Freude. Serien zu schauen bereitet auch Freude. Das meine ich aber nicht. Ich meine eine Tätigkeit, die dir nicht nur Spaß macht, sondern dich wirklich beflügelt, nachhaltig. Das ist für jeden etwas anderes. Etwas, in dem du stundenlang versinken kannst und die Zeit um dich herum vergisst. Für mich ist das zum Beispiel Kunst. Was ist es für dich, in diesem Moment? Was willst du machen, wenn du mal deine vermeintlichen Pflichten (Wäsche waschen, putzen, etc.) ausblendest?

Wenn du eine Antwort auf diese Frage findest, hast du wahrscheinlich einen bessere Kenntnis über deine innere Wahrheit. Mach das immer wieder. Geh raus aus der Angst, geh in die Ruhe. Und dann frag dich, was du tun willst. Frag dich, was du tun musst, weil dein Inneres dich dorthin zieht. Und wenn du nach Wochen, Monaten und Jahren ein Muster erkennst, etwas, das du immer wieder tun willst, weil es dich nachhaltig beflügelt, dann geh tiefer. Trau dich. Du bist auf dem Weg zu dir selbst.

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